Hohenleipisch (Elbe-Elster): Gemeindevertreter wollen sich der Gräber ihrer Kriegstoten entledigen

von Wolfgang Bauch (Cottbus), BGG-Forschungsstelle Niederlausitz

Massengrab mit Gedenkstein auf dem Kirchhof Hohenleipisch für 18 zivile Opfer vom April 1945

Der Friedhof in der Bahnhofstraße nach seiner Umgestaltung als Parkanlage.

Grabstätte für sieben deutsche Soldaten auf dem Friedhof Bahnhofstraße. Gefallen am 24. April 1945. Vermutlich gehörten alle zur 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“.

Vorsichtig formuliert habe ich mit Befremden in der Online-Ausgabe der „Lausitzer Rundschau“, Lokalteil Elsterwerda vom 22.06.2020 die Absicht der Gemeinde Hohenleipisch zur Kenntnis genommen¹, ihre Kriegstoten auf den Friedhof des eingemeindeten Nachbardorfes Dreska umbetten zu wollen. Dem soll eine Empfehlung des Landkreises Elbe-Elster zugrunde liegen. Ein fatales Signal 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Ein Ort, der seine Gräber und Denkmale verliert, verliert auch seine Geschichte.

Blicken wir in die Historie: In Hohenleipisch gab es seit seiner Ersterwähnung im Jahre 1210 soweit bekannt drei Friedhöfe. Der erste wurde unserer christlichen Tradition entsprechend als Kirchhof um die heute Evangelische Kirche angelegt. Der Name Kirchhof hat sich bis heute erhalten. Als die Gemeinde im 19. Jahrhundert aus den Nähten platzte wurde ein neuer Gottesacker in der heutigen Bahnhofstraße, damals Pechofengasse angelegt. Eingeweiht und für Beerdigungen freigegeben wurde er 1861. Der alte Kirchhof wurde 1888 auf einstimmigen Beschluss geschlossen.

(Quelle: Engelskircher, Helmut (1912 - 1997): Beiträge zur Chronik des Dorfes Hohenleipisch ab seiner erstmaligen Erwähnung bis zum Jahre 1932, Hohenleipisch, 1985 (bekannt als Ortschronik Hohenleipisch).)

Nach meiner Erinnerung war es Anfang der 1970er Jahre, als die Gemeinde Hohenleipisch Am Reesberg einen neuen Friedhof anlegte, der bis heute genutzt wird. Die große Trauerhalle wurde maßgeblich durch den hochgeschätzten Gemeindearbeiter Erich Wolschke (1907 - 1995) errichtet. Beisetzungen erfolgten bald nur noch auf dem neuen, außerhalb der Gemeinde gelegenen Friedhof Am Reesberg. Auf dem wunderschönen parkähnlichen Friedhof in der Bahnhofstraße gab es alsbald keine Neubestattungen mehr.

Schon vor ca. zehn Jahren herrschte in der Gemeinde Unruhe wegen der vorgesehenen Umgestaltung des Friedhofs in der Bahnhofstraße. Eine Bürgerinitiative aus honorigen und geschichtsbewussten Einwohnern wollte die Gräber und damit das in über 100 Jahren gewachsene Ensemble erhalten wissen. Leider blieben die Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Die übergroße Mehrzahl der Gräber, die alte Trauerhalle und nahezu die gesamte zur Bahnhofstraße hin gelegenen Friedhofshauer wurden ohne jede Not und ohne Gespür für Tradition, Kultur und Respekt vor den Altvorderen geschliffen. Stattdessen wurde Rasen angelegt. Nur wenige Gräber blieben von diesem Kahlschlag verschont: Neben imposanten Gräbern ausgewählter, vor allen Fabrikantenfamilien gehört dazu das zur Umbettung vorgesehene Soldatengrab sowie einige Gräber ziviler Opfer der letzten Kriegstage in Hohenleipisch.

Auf dem alten Kirchhof befindet sich ausweislich meiner Dokumentation gar kein Soldatengrab, wie es der Bezugsartikel der LR mutmaßen lässt. Dort hat die Mehrzahl der zivilen Opfer ihre letzte Ruhestätte in einem Massengrab gefunden. Auf dem Grabstein sind achtzehn Namen verzeichnet. Offensichtlich sollen also nicht nur das Soldatengrab vom Friedhof Bahnhofstraße, sondern auch alle Gräber der zivilen Kriegsopfer umgebettet werden. Die Hohenleipischer Kriegstoten sollen nach 75 Jahren auf den Friedhof Dreska umgebettet werden. Unglaublich.

Im Grab der sieben im LR-Beitrag erwähnten Soldaten liegen vier namentlich bekannte und drei unbekannte. Es sind wohl nicht, wie auf dem Grabstein dargestellt Wehrmachtsangehörige, sondern zumindest überwiegend Angehörige der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“. Wobei die Waffen-SS im 2. Weltkrieg der Wehrmacht unterstellt war. Nachdem Hohenleipisch am 22. April 1945 von der Roten Armee, genau genommen der 1. Ukrainischen Front unter General Iwan S. Konew befreit worden war, zogen am 24. April versprengte, aus dem Spremberger Kessel ausgebrochene „Frundsberger“ in den Ort ein und es kam zu heftigen Gefechten und Exzessen, die sich über Döllingen bis Plessa fortsetzten und zu schlimmen Verlusten und Verbrechen auch an der Zivilbevölkerung führten. Ereignisse, die noch heute im kollektiven Bewusstsein der betroffenen Dörfer nachwirken. Die erwähnten „Frundsberger“ wollten sich in Richtung Nordböhmen zu den Amerikanern durchschlagen und sich diesen ergeben, was ihnen in der weiteren Folge auch gelang. Die 1. Ukrainische Front und „die Frundsberger“ hatten sich schon lange erbitterte Kämpfe geliefert.

Weshalb will man gefallene Soldaten vom ehemaligen Friedhof Bahnhofstraße auf den Friedhof des eingemeindeten Dreska umbetten? Sie gehören zu Hohenleipisch und verbinden sich mit einem, wenn auch dunklen Kapitel der Geschichte meines Heimatdorfes. Weshalb die vielen zivilen Opfern der letzten Kriegstage und der unmittelbaren Nachkriegszeit? Was sagen eigentlich die Hinterbliebenen dazu?

Die geplante Umbettung ist weder im Gesamtkontext der Kriegsereignisse vom April 1945 schlüssig, noch notwendig. Lasst die Kriegsopfer, seien es Zivilisten, sowjetische oder deutsche Soldaten dort auf den Friedhöfen ruhen, wo sie 1945 ihre letzte Ruhe gefunden haben. Grundsätzlich sollten solche Grabstätten erhalten bleiben, da diese ja den historischen Kontext bilden und so gerade bei Gefallenengräbern auch das Andenken an die Ereignisse erst ermöglichen. Zentralanlagen reißen die Gräber aus ihrem Zusammenhang und lassen sie ohne historischen Hintergrund in der Masse verschwinden. Ein Ort, der seine Gräber und Denkmale verliert, verliert auch seine Geschichte und gerade das Andenken an die Weltkriege muss flächendeckend an allen authentischen Orten gepflegt werden, denn nur so kann deren Mahnung vor Ort wirken. Noch heute können so Bewohner Namen ihrer Vorfahren und Verwandten lesen, die Kriegsopfer wurden. Sind Gräber und Denkmal verschwunden, ist auch die Mahnung verschwunden, als ob es in dem Ort nie einen Krieg gab.

Die gefallenen Rotarmisten der Region fanden ihre letzte Ruhe auf dem 1946/47 angelegten Sowjetischen Ehrenfriedhof, der unmittelbar an den Bergfriedhof angrenzt. Weitere Kriegstote - vornehmlich wird in der Bevölkerung von „Russen“ gemunkelt - sollen noch dort liegen, wo man sie im April 1945 eher schlecht als recht an Ort und Stelle notbestattet hat. Um auch diese Menschen noch würdevoll beisetzen zu können wäre man auf fundierte Berichte der immer weniger werdenden Zeitzeugen angewiesen. Dies wären wahrlich sinnvolle Umbettungen. Zudem wären die Hinterbliebenen, sofern eine Identifizierung noch möglich ist, gewiss dankbar Informationen und Gewissheit über deren Schicksal zu bekommen.

Derweil habe ich mich an den Landrat Elbe-Elster, Herrn Christian Heinrich-Jaschinski (CDU) gewandt und gebeten das Vorhaben im Sinne meiner Kritik zu überprüfen.


Der Autor (60) ist in Hohenleipisch aufgewachsen, wo seine Vorfahren seit vielen Generationen ansässig und geachtet waren. Seiner Heimatgemeinde fühlt er sich durch familien- und heimatgeschichtliche Recherchen und zahlreiche fortbestehende persönliche Kontakte verbunden. Er ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde e.V. Bad Liebenwerda und Forschungsstellenleiter Niederlausitz der Brandenburgischen Genealogischen Gesellschaft „Roter Adler“ e.V. Immer wieder legt er den Finger in die Wunde, wenn Entscheidungsträger nach seiner Überzeugung unsensibel oder gar verantwortungslos mit Kulturgut und Geschichtsbewusstsein umgehen, wenn hinter Entscheidungen bestenfalls kurzfristiger Gewinn und/oder der Einfluss von Lobbyisten vermutet werden darf.


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https://www.lr-online.de/lausitz/elsterwerda/kriegsgraeber-gefallene-soldaten-werden-in-hohenleipisch-umgebettet-47164973.html