Das gekürzte Gotteshaus – Die Kirche von Kurzlipsdorf

Die Kurzlipsdorfer Kirche stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert und hat später an Länge verloren. Sie hat das älteste Dachwerk rund um Jüterbog.

Die Kehlbalken in der kleinen Kirche von Kurzlipsdorf stammen aus dem frühen 14. Jahrhundert. Nach der Reformation wurde offenbar das Kirchenschiff umgebaut – und auch sonst hat das Gotteshaus eine bewegte Geschichte.





Von außen ist sie hübsch, die kleine Kirche in Kurzlipsdorf, gebaut vermutlich im frühen 14. Jahrhundert. Kehlbalken über dem Chor wurden auf 1315 datiert. „Es ist das älteste im Raum Jüterbog bekannte Dachwerk“, so Marcus Cante vom Landesdenkmalamt. Bei der Visitation im Jahr 1577 war das Gotteshaus im Westen eingefallen; der Ostteil war nahe dran. Der Kurfürst soll gebeten worden sein, Bauholz zu spendieren. Ob er den Wunsch erfüllte, ist ungewiss. 1582 war noch nicht mit der Instandsetzung begonnen worden, so Cante. Wann die Handwerker loslegten, ist nicht bekannt.

Nach Westen hin wurde der Feldsteinsaal vermutlich verkürzt. Das unregelmäßige Mischmauerwerk ist dort nur 0,8 Meter dick statt der 1,1 Meter im Osten, wo die schmalen Fenster im Original erhalten sind. Die Südseite hatte größtenteils Bestand. Die Nordseite, auf der die vermauerte Priesterpforte gut zu erkennen ist, wurde oberhalb des Sockels erneuert, die Westseite in Gänze. Dabei erhielt sie das flachbogige Portal mit dem barocken Rautenmuster auf dem Türblatt. „Die Tür steht offen. Doch nicht jeder kann mit dem Riegel umgehen“, erläutert Ortsvorsteherin Sabine Zeckzer.

Sohn folgte dem Vater als Pfarrer


Die Bauzeit könnte Pfarrer Johann Willikow erlebt haben. Eines seiner elf Kinder war der 1536 geborene Petrus Willicke, auch Willichius oder Willigken, der 19-jährig 1555 Pfarrer in Blönsdorf wurde und dort die Tochter seines Amtsvorgängers heiratete, berichtete Blönsdorfs Pfarrer Otto Bölke in seiner „Geschichte eines Flämingdorfs“ von 1912. Der Chronist Dietmann nennt Willikow nicht, bei ihm ist der erste Pfarrer nach der Reformation ab 1564 Caspar Rothe. Seelsorger heirateten öfter in die Familien ihrer Kollegen. Kurzlipsdorf war jedoch eigenständig und jahrhundertelang Mutterkirche. 1528 war Naundorf eingekircht und blieb Kurzlipsdorf bis 1894 verbunden, ehe es zu Seehausen kam und Danna zu Kurzlipsdorf. Im Dreißigjährigen Krieg brannte das Pfarrhaus ab.

Nach 1913 verlor die Kirche an Bedeutung


Bis zu seinem Tod 1717 versorgte Seehausens Pfarrer Thronicke Kurzlipsdorf, das 1718 wieder einen eigenen Pastor bekam. Erst nach 1913 wurde Kurzlipsdorf Blönsdorf zugeordnet und verlor an Bedeutung. Die Kirche müsste die Jahre bis 1648 besser überstanden haben als Feldheim, Schmögelsdorf, Marzahna und Schwabeck, die keinen Pfarrer mehr hatten. Bölke schrieb, dass der Kurzlipsdorfer Pfarrer die Amtshandlungen für die vier Dörfer bis 1655 versehen hat. Dass Pfarrer Schmiedt 1684 einen neuen Altar für Kurzlipsdorfs Kirche stiftete, hat er zum Glück aufmalen lassen. Es könnte ein Kanzelaltar gewesen sein. 1846 war von Kanzel und Altar die Rede, bekleidet mit schwarzem Samt und silberner Einfassung. Die schlichte Kanzel steht heute auf einem Sockel.

Blönsdorfs Pfarrer Daniel Theodor Gröllmann, seit 1706 im Amt, heiratete 1730 in zweiter Ehe die Witwe des Kurzlipsdorfer Kollegen Johann Friedrich Lucius, Johanne Magdalene (wobei Bölke nicht sicher war, ob der Name Lucius stimmte). Die Tochter aus dieser Ehe heiratete Blönsdorfs Pfarrer Fleischer. Als er 1782 starb, predigten Kurzlipsdorfs Pastor Carl Gotthelf Altham und sein Bochower Kollege Adolph Naumann. Auch am Grab von Blönsdorfs Pfarrer Wagner übernahmen die Kollegen aus Kurzlipsdorf und Seehausen die Trauerreden.

1767 erhielt das Schiff ein neues Dach und die Emporen-Anlage, auf der seit 1888 die Orgel von G. A. Friedrich aus Wittenberg steht. Leider darf sie der Organist wegen des morschen Fußbodens nicht spielen. 1768 wurde dem Gotteshaus der Dachturm mit geschweifter Haube und geschlossener Laterne aufgesetzt. 1927/28 wurde das Fachwerkteil saniert. Bei näherem Hinsehen entsteht jetzt wieder der Eindruck, dass sich Handwerker erneut um das Fachwerk im Dachturm kümmern sollten, besonders auf der Nordseite. „Dabei ist der Turm erst 2002 erneuert worden. Dabei wurde das Fachwerk erneuert“, berichtet Sabine Zeckzer. Sie ergänzt, dass manche sogar behaupten, der Turm würde sich bewegen, wenn die Glocken läuten. Es sind zwei. Eine Glocke ist von 1954 aus Guss-Stahl. Besonders erwähnenswert ist aber die Glocke von 1884. Diese ist aus Bronze und von Robert Ebert aus Dresden mit Ornamentfries verziert und gegossen worden. Wer sie sehen möchte, begibt sich aber auf morschen Holzwegen in Gefahr. Den Turmfalken stört dies nicht. Vielleicht ist es ihm sogar recht, dass die Glocken üblicherweise nur samstags läuten und zu den sehr seltenen Gottesdiensten sowie zu den noch selteneren Taufen und Hochzeiten.

Die Flachbogenfenster entstanden 1846


Bei der Sanierung von 1846 bekam der Sakralbau die großen Flachbogenfenster auf der Südseite. 1907 wurde das Innere neu gestrichen. Von 1965 an erfolgten für zwei Jahre Renovierungsarbeiten. Vor zwei Jahren dann wurden innen einige Balken ausgetauscht. Zu übersehen sind die Schäden dennoch nicht. Große Stellen Putz sind längst verschwunden. Erhalten hat sich die Sitzordnung: die Männer auf der einen Seite, Frauen und Kinder auf der anderen Seite. Auch die Erinnerungen sind noch frisch. Auf einer Kirchenbank, die beim Bau vor zwei Jahren entfernt wurde, hat ein junger Mann heimlich geraucht. Jetzt geht er der Rente entgegen. „Zur Kirche führte ein mit Grabsteinen gepflasterter Weg. Als Kinder hatten wir großen Respekt, und ein wenig unheimlich war es auch“, erinnert sich die Ortsvorsteherin.

Schön wäre es, würde diese kleine Kirche von innen mindestens so hübsch wie von außen. „Der Wiederaufbau des Schiffs ist das einzige größere Kirchenbauprojekt der Zeit zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg in den Dörfern um Jüterbog und verdeutlicht in seiner Bescheidenheit die damit verbundenen Schwierigkeiten“, so Cante

Quellen:
Gertraud Behrendt, Märkische Allgemeine Zeitung vom 07.06.2020
https://www.altekirchen.de/aktuelles/pressespiegel/die-kurzlipsdorfer-kirche-hat-das-aelteste-dachwerk-rund-um-jueterbog